„Lieber polarisieren, als in der Belanglosigkeit verschwinden“
Warum nett der kleine Bruder von langweilig ist
Tim Raue hat es gesagt. Und wenn Tim Raue etwas sagt, dann meistens in einer Lautstärke und Deutlichkeit, die keinem Raum für Missverständnisse lässt. „Lieber polarisieren, als in der Belanglosigkeit verschwinden.“
Dieser Satz hallt in mir nach. Er klebt an mir wie Kaugummi am Schuh, nur dass ich diesen Kaugummi nicht loswerden will. Denn schauen wir uns doch mal um. Was sehen wir?
Ein Meer aus Beige. Eine Wüste der Gefälligkeit. Eine Armee von glattgebügelten Profilen, Texten und Meinungen, die so sehr darauf bedacht sind, niemandem auf den Schlips zu treten, dass sie am Ende gar keine Füße mehr haben, auf die man treten könnte.
Everybody’s Darling is Everybody’s Depp
Wir leben in einer Zeit, in der „Bloß nicht anecken“ zur obersten Bürgerpflicht erhoben wurde. Unternehmen kommunizieren nur noch in weichgespülten Floskeln, aus Angst vor dem ominösen Shitstorm. Menschen auf LinkedIn gratulieren sich gegenseitig zu ihrer Demut, bis einem vor lauter Zuckerguss schlecht wird.
Und das Ergebnis? Belanglosigkeit. Tödliche, einschläfernde, graue Belanglosigkeit.
Wer versucht, es allen recht zu machen, macht sich am Ende unsichtbar. Er wird zum Fahrstuhlmusik-Äquivalent einer Persönlichkeit. Man nimmt es wahr, es stört nicht, aber sobald man aussteigt, hat man vergessen, dass es überhaupt da war.
Ist das das Ziel? Ist das der Anspruch, den wir an unsere Arbeit, an unser Leben haben? Dass wir „nicht stören“?
Ich bin nicht hier, um Freunde zu finden (zumindest nicht alle)
Ich schreibe sarkastisch. Ich bin zynisch. Ich habe eine Meinung, die nicht jedem passt. Und wisst ihr was? Das ist gut so. Meine Texte sind wie ein Filter. Wer meinen Stil nicht mag, wer sich an einer klaren Kante stößt, der ist bei mir falsch. Und das spart uns beiden Zeit.
Polarisieren heißt nicht, grundlos gemein zu sein. Es heißt nicht, Menschen zu beleidigen. Es heißt, für etwas zu stehen. Es heißt, Farbe zu bekennen in einer Welt, die sich auf Beigetöne geeinigt hat. Es heißt, sichtbar zu sein.
Wenn ich polarisiere, zwinge ich mein Gegenüber zu einer Reaktion. Vielleicht nickt es (also mein Gegenüber) zustimmend. Vielleicht schüttelt es den Kopf. Vielleicht regt es sich sogar auf. Aber eines passiert garantiert nicht: Mein Gegenüber scrollt nicht gähnend weiter. Ich bleibe in Erinnerung … positiv oder negativ.
Mut zur Kante
Man sagt Tim Raue nach, er habe früher Teller durch die Küche geworfen. Ob das nun stimmt oder nur ein Mythos aus wilden Kreuzberger Tagen ist, ist fast egal. Das Bild stimmt. Man weiß verdammt noch mal, woran man ist. Es ist Leidenschaft, es ist Anspruch, es ist echt.
Ich werfe keine Teller (mein Geschirr war mir dafür zu teuer), aber ich werfe mit Worten. Und ich weigere mich, diese Worte vorher in Watte zu packen, nur damit sich auch wirklich niemand an einer spitzen Formulierung verletzt.
Unsere Angst vor der Belanglosigkeit sollte größer sein als die Angst vor Widerspruch. Denn Widerspruch bedeutet Dialog. Belanglosigkeit bedeutet Stille.
Also: Seid laut. Seid kantig. Seid unbequem. Traut euch, nicht gemocht zu werden. Denn nur wer in Kauf nimmt, nicht von allen geliebt zu werden, kann von den Richtigen wirklich geschätzt werden.
P.S. Danke, Herr Raue. Ich geh dann mal weiter anecken.