Iran-Proteste: Experten erwarten trotz Hunderten Toten keinen schnellen Regimesturz
Am 28. Dezember des vergangenen Jahres schließen die Händler im Teheraner Basar ihre Läden. Der Rial ist über Nacht auf 1,44 Millionen pro US-Dollar gefallen, Joghurt gibt es nur noch auf Raten. Was als Wirtschaftsprotest beginnt, wird innerhalb von Tagen zur größten Erhebung seit der Islamischen Revolution 1979.
Demonstranten skandieren „Tod dem Diktator“, verbrennen Porträts von Religionsführer Ayatollah Ali Chamenei, Frauen reißen sich die Kopftücher herunter. Zwei Wochen später zählt die norwegische Organisation Iran Human Rights mindestens 648 Tote. Über 10.000 Menschen sitzen in Haft. Die Leichenhallen füllen sich – doch die Proteste gehen weiter.
Die Asymmetrie könnte kaum größer sein. Die Demonstranten haben dem Blutbad nichts entgegenzusetzen: keine Waffen, keine Schutzausrüstung, nur ihre Körper und ihre Wut. Die Revolutionsgarden und die Basidsch-Milizen schießen mit scharfer Munition in die Menge. Augenzeugen berichten dem persischsprachigen Exilsender Iran International von Leichenhallen in Teheran, die mit Toten aus den Protestnächten vom 8. und 9. Januar überfüllt seien. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International dokumentiert, dass Sicherheitskräfte gezielt auf Köpfe und Oberkörper zielen. Verletzte werden laut Amnesty in Krankenhäusern festgenommen, bevor sie behandelt werden können.
Die Frage, die Beobachter weltweit umtreibt: Ist dies der Anfang vom Ende der Islamischen Republik? Oder nur ein weiteres Kapitel in der blutigen Geschichte gescheiterter Aufstände?
Am 8. Januar drosselte das Regime die Internetverbindung auf ein Prozent der normalen Kapazität. Selbst Starlink, die letzte Verbindung zur Außenwelt, funktionierte kaum noch. Amir Rashidi, IT-Sicherheitsforscher und Direktor für digitale Rechte bei der in New York ansässigen Menschenrechtsorganisation Miaan Group, berichtet dem exiliranischen Portal IranWire, dass militärische Störsender den Satellitendatenverkehr zunächst um 30 Prozent reduzierten. Bis 22 Uhr Ortszeit am ersten Tag des Blackouts stieg die Störquote auf über 80 Prozent.
Die Technik dahinter ist nach Rashidis Einschätzung hoch entwickelt und stammt möglicherweise aus Russland oder China. Die israelische Tageszeitung Times of Israel berichtet unter Berufung auf Mehdi Yahyanejad, iranisch-amerikanischer Internetaktivist und Gründer der Plattform Balatarin, der Iran profitiere womöglich von russischen Erfahrungen im Ukraine-Krieg. Dort setzt Moskau ein mobiles System namens Kalinka ein, das einzelne Starlink-Terminals im Umkreis von 15 Kilometern ausschalten kann. Schätzungsweise 40.000 bis 50.000 Iraner nutzen den Satellitendienst von SpaceX illegal. Die Terminals werden über Schmuggelrouten ins Land gebracht, bei Entdeckung drohen drakonische Strafen.
Trotz der Blockade gelangen weiterhin Bilder und Videos nach außen. Yahyanejad sagt der Times of Israel, Starlink sei der Grund, warum überhaupt Aufnahmen der Proteste die internationale Öffentlichkeit erreichten. Das Regime führt einen Zermürbungskrieg gegen die eigene Bevölkerung und die Protestierenden können nur hoffen, dass die Welt zusieht.
Die Welt sieht zu. Vor allem Donald Trump. „Das Militär befasst sich damit, und wir prüfen einige sehr drastische Optionen“, sagt der US-Präsident vor Journalisten. Laut der New York Times wurden ihm mehrere Szenarien für Militärschläge vorgelegt, aber auch Maßnahmen unterhalb der Schwelle eines bewaffneten Angriffs wie Cyberoperationen. Den Einsatz von Bodentruppen schließt Trump aus.
Parallel kündigt er auf seiner Plattform Truth Social 25-prozentige Strafzölle auf alle Länder an, die mit dem Iran Handel treiben. China, das etwa 90 Prozent des iranischen Rohöls abnimmt, protestiert scharf. In Europa ist Deutschland mit knapp 984 Millionen Euro Handelsvolumen im Jahr 2025 der wichtigste Partner, gefolgt von Italien, den Niederlanden und Spanien.
Teheran reagiert derweil mit Gegendrohungen. Mohammad Bagher Ghalibaf, Parlamentssprecher und ehemaliger Kommandeur der Revolutionsgarden, erklärt amerikanische Militärbasen zu „legitimen Zielen“, sollte Washington militärisch eingreifen. Rund 40.000 bis 50.000 US-Soldaten sind in der Region stationiert, auf Stützpunkten in Bahrain, Jordanien, Katar, Kuwait, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Al Udeid Air Base in Katar, vorgeschobenes Hauptquartier des US-Zentralkommandos, liegt ebenso in Reichweite iranischer Raketen wie die Marinebasis in Bahrain oder die Al Dhafra Air Base bei Abu Dhabi.
Fabian Hinz, Experte für Raketentechnologie am International Institute for Strategic Studies in London, sagt der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Iran habe seine Produktionskapazitäten nach dem Zwölftagekrieg mit Israel im Sommer 2025 schneller wiederaufgebaut als erwartet. Teheran könne künftig mehr ballistische Raketen pro Monat produzieren als Russland. „Das iranische Kurzstreckenarsenal ist relativ unversehrt“, so Hinz. Diese Waffen könnten US-Stützpunkte in der Region treffen.
Während Trump droht, schweigen die arabischen Nachbarn auffällig. Katar vermittelt nach eigenen Angaben zwischen Washington und Teheran. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate äußern sich nicht. Das libanesische Nachrichtenportal L’Orient-Le Jour spricht vom „stillen Schock“ der Region. Viele arabische Regierungen warteten ab, wie der Konflikt ausgeht, ohne sich zu exponieren.
Aus Israel hingegen kommt Beifall. Premierminister Benjamin Netanjahu lobt die „Heroik der iranischen Bürger“ und fordert ein Ende des Regimes. Hakan Fidan, Außenminister der Türkei und ehemaliger Geheimdienstchef, wirft Israel daraufhin vor, über den Mossad die Bevölkerung zum Aufstand aufzurufen. Die israelische Tageszeitung Haaretz berichtet, der Mossad betreibe Online-Operationen, um den Exilprinzen Reza Pahlavi als Alternative zu etablieren.
Reza Pahlavi, 65 Jahre alt, Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi, meldet sich regelmäßig aus dem amerikanischen Exil. Seine Instagram-Videos erreichten nach Angaben des persischsprachigen Exilsenders Iran International vor dem Blackout über 84 Millionen Aufrufe. Danach brachen die Zahlen auf einstellige Millionenwerte ein, ein Indiz für die Wirksamkeit der Internetsperren, aber schwer zu überprüfen.
Pahlavi ruft zu Streiks und Protesten auf, fordert westliche Unterstützung, lehnt aber Militärinterventionen ab. „Ich glaube nicht, dass es jemals eine erfolgreiche Bewegung zivilen Ungehorsams geben wird ohne die stillschweigende Zusammenarbeit oder zumindest Nicht-Intervention des Militärs“, sagt er dem US-Politikmagazin Politico. Sein Angebot an Beamte und Militärs: Amnestie für Mitläufer, nur die Hardliner an der Spitze sollen bestraft werden.
Eine Rückkehr zur Monarchie strebt er nach eigenen Aussagen nicht an. „Demokratische Optionen sollten auf dem Tisch liegen. Ich werde nicht derjenige sein, der das entscheidet“, sagt er. Eine Verfassungskonferenz solle die Grundlagen für eine neue Ordnung schaffen, das Volk per Referendum entscheiden. Seine Prinzipien: Schutz der territorialen Einheit, Trennung von Staat und Religion, volle Bürgerrechte für alle.
Doch wie viel Rückhalt hat er tatsächlich im Land? Bajoghli schreibt, die Aussichten auf eine Rückkehr der Monarchie seien durch israelische Desinformationskampagnen künstlich aufgebläht worden. Dass Trump den Exilprinzen bislang nicht empfangen hat, wertet sie als Zeichen, wie ernst selbst potenzielle Verbündete die monarchistische Option nähmen.
Vali Nasr, Professor für Internationale Politik an der Johns Hopkins University und Senior Adviser am Center for Strategic and International Studies in Washington, sieht es pragmatischer: Die Demonstranten nutzten monarchistische Symbole vor allem, um das Regime zu provozieren, nicht aus Überzeugung. Die Löwe-und-Sonne-Flagge der Pahlavi-Ära tauche bei Exil-Iranern häufiger auf als im Inland.
Die Experteneinschätzungen sind allerdings ernüchternd. Nate Swanson, Programmdirektor für den Iran beim Atlantic Council in Washington, sieht zwar einen „nicht nachhaltigen Status quo“ im Iran. Die Proteste zeigten „Mut, Beharrlichkeit und Sehnsucht nach Freiheit“, schreibt er in einer Analyse des Thinktanks. Doch niemand könne sagen, ob diesmal das Ende des Regimes nahe oder der Aufstand erneut niedergeschlagen werde.
Nikita Smagin, Analyst bei der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden mit Schwerpunkt russisch-iranische Beziehungen, warnt vor Euphorie. Es handle sich um die größten Proteste seit Jahrzehnten, doch es gebe keinen geeinten Übergangsführer. Potenzielle Anführer seien verhaftet oder ins Ausland gedrängt worden. Die Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, der außenpolitische Thinktank der Bundesregierung, stellt fest, dass seit 2017 regelmäßig landesweite Proteste ausbrechen, die das Regime nur kurzzeitig eindämmen könne. Selbst wenn die jetzigen Unruhen gewaltsam niedergeschlagen würden, bliebe der Ruf nach grundlegender Veränderung bestehen.
Die entscheidenden Unterschiede zu 1979 benennt Bajoghli: Damals vereinten sich Klerus, Basar und Bevölkerung gegen die Monarchie – drei Machtzentren, die gemeinsam handelten. Heute kontrolliert die Revolutionsgarde weite Teile der Wirtschaft, der einst unabhängige Basar ist vom Regime abhängig. US-Sanktionen haben paradoxerweise dazu beigetragen: Wer Geschäfte machen will, braucht Verbindungen zu den Garden, die den Schwarzmarkt kontrollieren.
Vor allem aber: Es gibt keine Anzeichen, dass Militär oder Sicherheitskräfte die Seiten wechseln. Und die Demonstranten haben keine Waffen, um sich gegen das Blutbad zu wehren. Revolutionen gelingen, wenn Teile der Armee überlaufen. Davon ist im Iran nichts zu sehen.
Sanaz Azimipour, Iran-Forscherin und Referentin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin, beschreibt die Lage als „Krieg gegen das Leben selbst“. Wenn Grundnahrungsmittel nur noch auf Raten erhältlich seien, werde Protest zum Akt des reinen Überlebens. Die offizielle Inflationsrate von 52 Prozent täusche. Tatsächlich liege die Teuerung bei 70 bis 80 Prozent. Dazu kommen kollabierendes Gesundheitssystem, lebensgefährliche Luftverschmutzung, Wasserknappheit.
Der iranische Präsident Massud Peseschkian versucht, die Proteste mit versöhnlichen Tönen zu beruhigen. „Geht nicht nach Amerika oder macht sonst jemanden verantwortlich. Wir sind es, die unsere Probleme lösen müssen“, sagt er im Staatsfernsehen. Doch die Justiz fährt einen harten Kurs. Richter warnen, Demonstranten könnten wegen „Kriegs gegen Gott“ angeklagt werden. Ein Vergehen, das die Todesstrafe nach sich zieht.
Die „Frau, Leben, Freiheit“-Bewegung nach dem Tod von Jina Mahsa Amini 2022 erreichte nach Einschätzung von Bajoghli die größte Konzession des Regimes seit 1979: die faktische Aufgabe der Kopftuchpflicht in weiten Teilen des Landes. Dieser Erfolg kam durch jahrelange Organisationsarbeit zustande, nicht durch externe Intervention. Die aktuelle Bewegung ist breiter aufgestellt – Basarhändler, Studenten, Ölarbeiter, Lastwagenfahrer protestieren gemeinsam. Doch die Demonstrationen umfassen bislang Tausende, nicht Millionen.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, ein Regime, das nur durch Gewalt existiere, sei „faktisch am Ende“. Die EU und die Vereinten Nationen verurteilen die Gewalt und kündigen weitere Sanktionen an. China und Russland mahnen zur Achtung der Souveränität und warnen vor westlicher Einmischung.
Was bleibt, ist eine Pattsituation. Das Regime verfügt über tödliche Repressionsinstrumente und zeigt den Willen, sie einzusetzen. Die Bevölkerung hat nichts mehr zu verlieren, aber auch keine Führung, die den Übergang organisieren könnte, und keine Mittel, sich zu verteidigen.