12/03/26
Seine Augen waren sehr braun, fast schwarz. In ihnen lag eine Müdigkeit, die nicht nur von diesem Tag zu kommen schien. Seine Lippen waren trocken, rissig, er hatte den ganzen Tag nichts getrunken. Er hatte gefastet. Es war Ramadan. Er war aus Libyen.
Als er ins Auto stieg, klirrten die Handschellen an seinen Handgelenken. Dieses metallische Geräusch blieb einen Moment lang im Raum stehen. Er setzte sich, legte seine gefesselten Hände vorsichtig in seinen Schoß und senkte den Blick auf seine Knie. Ich startete den Motor. Das blau-silberne Fahrzeug rollte langsam vom Hof.
Nach einer Weile fragte ich ihn:
„Tu fais le Ramadan?“
Er hob den Blick nur kurz. „Oui“, antwortete er leise. Mehr sagte er nicht. Aber dieses eine Wort blieb in meinem Kopf. Sein leises „Oui“. Ich dachte daran, wie sich dieser Tag für ihn anfühlen musste. Den ganzen Tag nichts gegessen, nichts getrunken. Der trockene Mund, der Hunger, der Durst. Und nun auf dem Weg ins Gefängnis, ohne zu wissen, wann genau er sein Fasten würde brechen können. Ich selbst bin Muslima. Auch ich faste im Ramadan. Doch an diesem Abend hatte ich mein Fasten bereits brechen können. Ich hatte Wasser getrunken, eine Dattel gegessen.
Und plötzlich erinnerte ich mich an einen kleinen Moment von heute Vormittag. Ich hatte in der Küche gestanden und zwei Datteln in eine kleine Glasschüssel gelegt. Während ich sie hineinlegte, hatte ich mich noch gefragt, wer wohl die zweite essen würde. Nun wusste ich es.
Meine Kollegin saß hinten neben ihm. Ich fragte sie leise, ob sie es in Ordnung fände, wenn er sein Fasten brechen könnte. Sie zögerte keine Sekunde. „Natürlich“, sagte sie.
Ich sagte ihr, dass ich kurz an einem Kiosk halten würde, um ihm Wasser zu kaufen. Ein Brötchen und eine Dattel hatte ich noch dabei.
Wir fuhren weiter durch die Straßen. Auf dem Weg zur JVA kamen wir an einem kleinen Kiosk vorbei. Ich hielt an, stieg schnell aus und kaufte eine Flasche Wasser. Als ich zurückkam, ging ich um das Auto herum zu der Tür, an der er saß. Ich holte die kleine Glasschüssel aus meinem Rucksack und öffnete sie vor ihm. Er schaute hinein. Darin lag die Dattel.
Dann schaute er mich an. Erst fragend, als könnte er kaum glauben, dass sie für ihn war. Und dann veränderte sich sein Blick. Dankbarkeit breitete sich darin aus, still und tief. Mit den Händen, die noch immer aneinander gefesselt waren, griff er vorsichtig nach der Dattel. Bevor er sie aß, bewegten sich seine Lippen. Ein leises Gebet, kaum hörbar. Dann aß er.
Ich reichte ihm die Wasserflasche und das Brötchen. Er nahm einen großen Schluck und biss gierig hinein. Man konnte sehen, wie sehr er es brauchte. Zwischen zwei Bissen sagte er immer wieder:
„Merci… merci beaucoup.“
Ich stieg wieder ins Auto. Wir setzten unsere Fahrt fort. Der Rest des Weges verlief schweigend. Während ich fuhr, dachte ich darüber nach, wie widersprüchlich Menschen sein können. Er fastete im Ramadan, betete vielleicht sogar und doch hatte er Straftaten begangen. Aber gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich nicht darüber urteilen kann, was für ein Mensch er wirklich ist. Ich kenne nicht seine Geschichte. Nicht sein Leben. Nicht den Weg, der ihn aus Libyen hierher geführt hat. Alles, was ich in diesem Moment tun konnte, war, ihn als Menschen zu sehen. Nicht als Fallnummer. Nicht als Straftäter. Als Menschen.
Als wir ihn schließlich in der JVA übergeben hatten, standen meine Kollegin und ich noch einen Moment draußen. Sie sah mich an und sagte:
„Weißt du… es ist eigentlich egal, welche Religion wir haben.“ Sie machte eine kurze Pause. „Wichtig ist nur, dass wir Menschen bleiben. Und dass wir respektvoll miteinander umgehen.“
Ich nickte. Und dachte dabei an die zweite Dattel.