Kämpfe mit Kabeln
Nach einer Beerdigung in Schottland komme ich mit einer Frau über 70 ins Gespräch, die früher Fechterin war. Ich habe wegen eines Romans, in dem es ums Fechten geht, erst vor zwei Wochen das Nötigste im Netz nachgelesen und freue mich, heute eine Frage loswerden zu können, die dabei offen geblieben ist.
Meine Suche hat eine Abbildung erbracht, auf der die Fechtenden jeweils an einem Kabel hängen, das hinter ihnen über eine Rolle läuft und zu einer Trefferanzeige-Apparatur führt. Das ist die elektrische Trefferanzeige, die laut Wikipedia “1936 beim Wettkampf mit Degen, mit Florett 1957 und mit Säbel 1988” eingeführt wurde. Ich war bei diesem Anblick überrascht, weil ich dachte, man müsse wohl sehr aufpassen, sich beim Kampf nicht in diesem Kabel zu verwickeln. Allerdings sprang man beim Sportfechten, wie ich gleich danach herausfand, auch vor Einführung dieses Kabels gar nicht wie im Film von Wirtshaustisch zu Wirtshaustisch und dann über das Treppengeländer, sondern bewegte sich nur auf einer ziemlich kurzen Linie vor und zurück.
Meine Gesprächspartnerin hat in den 1960er Jahren mit dem Fechten angefangen. In der Anfangszeit habe es die Kabeltechnik nicht gegeben, berichtet sie; Treffer wurden von den Kampfrichter:innen erkannt (und vielleicht zusätzlich von den Getroffenen freiwillig angesagt, so ganz kann ich der Beschreibung an der Stelle nicht folgen). Dann kommen wir zu der Frage, die bei meiner flüchtigen Recherche im Netz offen geblieben ist: Hat sich durch den Umstieg auf die elektrische Trefferanzeige die Fechttechnik geändert? Oh ja, sagt die Ex-Fechterin, vorher habe man viel theatralischer gekämpft, damit Treffer nicht etwa von den Kampfrichter:innen übersehen werden. Es sei auch insgesamt langsamer gegangen, weil immer erst Einigkeit darüber erzielt werden musste, ob ein Treffer jetzt ein Treffer war oder doch nicht.
Inzwischen gibt es wohl auch kabellose Messtechnik. Ob das noch einmal etwas am Kampfstil verändert hat, kann meine Gesprächspartnerin nicht beantworten. Vor zehn Jahren hat sie sich vom Fechtsport verabschiedet, und in ihrem Verein trug man zu dieser Zeit noch Kabel.
(Kathrin Passig)